Wir glauben, daß gerade darin ein zukunftsweisendes Potential kultureller Reflexion und gesellschaftlicher Offenheit (wieder) zu entdecken ist, ein neugieriges und belastbares Interesse für die neuen, sich erst vorwärtstastenden Fragen des dritten Jahrtausends, die ihre Sprache erst finden müssen. Gedichte sind Spezialisten für das (Er-)Finden neuer Sprachen und Modelle.
Alle paar Jahre (und zunehmend schneller) wechseln im Literaturbetrieb die Tonfälle, die intellektuellen Trends, die Erwartungen von Verlagen, Veranstaltern, Publikum. Gegenwärtig gilt in der Lyrik dem sprechbaren Gedicht die größte Aufmerksamkeit, während das poetische Denken als eigenständiger Formprozeß kaum (noch) wahrgenommen wird. Tatsächlich bilden aber die über Jahre hin angelegten Denkfelder in der poetischen Arbeit besondere Muster von Aufmerksamkeit und Interesse aus, die weit über das einzelne Gedicht hinausreichen. Diese Denkfelder betrachten wir als Ausgangspunkt für ein poetisch–poetologisches Projekt, das im Internet eine neue Form der Textlandschaft anlegen will.
Wir wollen in der Textlandschaft neuedichte.de gemeinsam über (neue) Gedichte weltweit und die mit ihnen verbundenen poetischen Prozesse nachdenken, und zwar konzentrierter und präziser, als es sich im Prosarauschen des Betriebs gewöhnlich ergibt. Was heißen will: ohne die unvermeidlichen Eitelkeiten des Auftrittswesens, auch nicht eingesperrt in von außen vorgegebene "Lyrik"-Definitionen.
Fragen wir noch einmal: wen kann und soll interessieren, wie Gedichte denken?
Gedichte, wie sie zu Beginn des dritten Jahrtausends geschrieben werden – nach einer Zeitrechnung, die längst nicht für alle Gedichtsprachen gilt – sind Sonden in jene noch fast unvermessene globale Welt, die vor uns liegt. Diese neue Welt darf und kann nicht nur von ökonomischen Prozessen, Marktstrategien und weltweiten Unterhaltungsmedien beschrieben werden. Sie braucht ebenso die individuellen Stimmen, die sich im besonderen Sprach- und Denkvermögen von Gedichten manifestieren. Diese Stimmen sprechen zu allen. Wir wollen sie auffindbar machen, sowohl in ihrer Neuartigkeit wie ihren Rückbindungen in alle Sprachen der Welt, indem wir sie in das einzige Weltmedium einbinden, das von fast allen Winkeln der Erde aus einsehbar ist. Wir tun dies aus den Blickwinkeln unserer eigenen Arbeit, denn wir sind Teile des Netzes, das wir zu beschreiben und reflektieren suchen. Unsere Kompetenz ist die einer aktiven Gestaltung poetischer Prozesse weltweit. Wir treten bei internationalen Festivals auf, gehören interdisziplinären Vereinigungen an, betreiben multimediale poetische Projekte.
Nachhaltiger als eine Veranstaltung, vielfältiger als ein Symposium, mehr als ein einzelner Gedichtband. Das Projekt zielt in seinen Anfängen auf eine Topographie oder Topologie der poetisch-poetologischen Landschaft, in der wir uns zu Beginn des dritten Jahrtausends befinden. In ersten Schritten sollen die unterschiedlichsten Wege zur Poesie miteinander verglichen und verschränkt werden, um Leerstellen und Überdeckungen zu markieren, gegenwärtige Kraftlinien und historische Tiefenströme ausfindig zu machen, dichte und dünne Gewebe zu sondieren. Für uns und für andere soll sichtbar werden, wie Poesie und Erkenntnis aneinander arbeiten. Dabei fragen wir insbesondere nach dem Verhältnis von Gedicht und (”individueller”, ”authentischer”) Erfahrung, nach den öffentlichen wie privaten Bedingungen für gespannte Aufmerksamkeit und nach den Grenzgängen der poetischen Wahrnehmung in einer medial überformten Wirklichkeit.